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Kalkar

„Mögen Jahrtausende vergehen, man wird nie von Heldentum reden können, ohne des deutschen Soldaten im Weltkrieg zu gedenken“

(Inschrift am NS-„Kriegerdenkmal“ in Kalkar, basierend auf einem Zitat aus Adolf Hitlers „Mein Kampf“ )

von Hans Hesse

Am 28. April 2015 beschloss der Stadtrat Kalkars mit einer Gegenstimme folgende Resolution die Ehrenbürgerschaft Adolf Hitlers betreffend:

“1. Die  Ehrenbürgerschaft Adolf Hitlers ist mit seinem Tod erloschen. Dies ist  ausdrücklich in der Sitzung des Haupt- und Finanzausschusses vom 17.7.2003 bestätigt worden.

2. Der Rat der Stadt Kalkar distanziert sich in aller Form vom Beschluss der Kalkarer Gemeindevertretung vom 2.5.1933, Reichskanzler Adolf Hitler unmittelbar  nach der Machtübergabe zum Ehrenbürger der Stadt Kalkar zu ernennen. Der damals einstimmig gefasste Beschluss ist ein historisches Faktum und  gehört deshalb aus heutiger Sicht zu den dunkelsten Kapiteln der lokalen Geschichte. Deshalb bekräftigt der Kalkarer Rat nachdrücklich, dass  Adolf Hitler der Ehrenbürgerwürde Kalkars unwürdig war. Gerade in einer Zeit vermehrter Fremdenfeindlichkeit und neonazistischer Aktivitäten sowie aktueller Übergriffe auf Migrantenunterkünfte ist es uns wichtig, diese Klarstellung vorzunehmen.”(zitiert nach: http://www.derwesten.de/staedte/nachrichten-aus-kleve-und-der-region/adolf-hitler-ist-kein-ehrenbuerger-der-stadt-kalkar-mehr-id10619266).

Der „Kurier am Sonntag“ titelte am 29. April 2015 zu dieser Ratsresolution: „Kalkars brauner Fleck: Rat erklärt Hitler für unwürdig Ehrenbürger zu sein“ (Zitiert nach: http://www.kurier-am-sonntag.de/lokales-sp-16783/kleve-kalkar-kranenburg-bedburg-hau/9344-kalkars-brauner-fleck-rat-erklaert-nochmal-warum-hitler-die-ehrenbuergerschaft-nicht-entzogen-wird%22). Hitler hat zwar Kalkar nie besucht, und er ist nun oder schon länger auch von der Ehrenbürgerliste getilgt, ist er aber damit tatsächlich gänzlich verschwunden? Nein, denn überraschenderweise ist Adolf Hitler in Kalkar präsenter als die bloße Ehrenbürgerwürde vermuten lässt. Seit Jahrzehnten, bis heute. Auf dem „Kriegerdenkmal“ in Kalkar, das 1936 eingeweiht wurde und heute an die getöteten Soldaten des I. und II. Weltkriegs erinnert, ist auf der Vorderseite die Inschrift zu lesen: „Unseren Helden“. Rückseitig befindet sich eine weitere Inschrift. Sie lautet: „Mögen Jahrtausende vergehen, man wird nie von Heldentum reden können, ohne des deutschen Soldaten im Weltkrieg zu gedenken.“ Ein Urheber dieses Zitats wird auf dem Denkmal nicht angegeben. Die Quelle der Inschrift basiert auf einer Textstelle aus Adolf Hitlers „Mein Kampf“. Dort lautet es wie folgt: „Mögen Jahrtausende vergehen, so wird man nie von Heldentum reden und sagen dürfen, ohne des deutschen Heeres des Weltkrieges zu gedenken.”

Der „braune Fleck“ Kalkars befindet sich mithin an einem der zentralsten Punkte der Stadt. Und Aussprüche Hitlers hält man offenkundig für würdig, an einem Denkmal zitiert zu werden.

Jahrzehntelang ist dies nicht aufgefallen? Oder hat sich – offenkundig bis heute – niemand daran gestört?

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Abb. 1: Ausschnitt vom NS-”Krieger”-Denkmal in Kalkar. Foto: Hans Hesse/Elke Purpus.

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Abb. 2: NS-”Krieger”-Denkmal in Kalkar, Vorderansicht. Foto: Hans Hesse/Elke Purpus.

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Abb. 3: NS-”Krieger”-Denkmal in Kalkar, Rückseite mit der Inschrift. Foto: Hans Hesse/Elke Purpus.

Nun, nachdem der Rat Kalkars die Resolution bezüglich der Ehrenbürgerschaft Hitlers beschlossen hat, muss auch der nächste Schritt getan und eine intensive Diskussion über den eigentlichen „braunen Fleck“ Kalkars, über das Denkmal begonnen werden. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt ist die Entwicklung in Kalkar erstaunlich, zumal die Verwaltung seit September/Oktober 2014 um diese Inschrift weiß.

Ein ausführlicherer Text ist als ebook erschienen und ist überall dort, wo ebooks gekauft werden können, erhältlich (also amazon, thalia, hugendubel, buch.de, usw.): Hans Hesse, "Mögen Jahrtausende vergehen, man wird nie von Heldentum reden können, ohne des deutschen Soldaten im Weltkrieg zu gedenken", eBook, ISBN 9783734790843, zum Preis von 0,99€.

Ein Aufsatz behandelt das Thema ebenso:

- Hesse, Hans/Purpus, Elke, „Der Wächter an der Landesgrenze“. Willy Mellers gescheiterter Denkmalentwurf 1934 für Kalkar. Ein Beitrag zur NS-Gedenkpolitik zum I. Weltkrieg, in: Jahrbuch des Frechener Geschichtsvereins e.V., Bd. 11/2015, S. 202–214.

Reaktionen:

Zunächst berichtete die Rheinische Post am 9. Mai 2015 über meine Feststellungen.

Vermutlich wegen des Wahlkampfes tat sich dann über ein halbes Jahr lang nichts.

Eine der ersten Amtshandlungen der neuen Bürgermeisterin war es, die jährliche Gedenkveranstaltung am Totensonntag in Kalkar am 22.11.2015 zu verlegen. Sie begann auf dem Marktplatz und führte zum Mahnmal für die ns-verfolgten jüdischen Mitbürger am Teich, wo - wie auf dem Soldatenfriedhof - ein Kranz niedergelegt wurde (Bericht in der Rheinischen Post v. 23.11.2015). Laut Rheinischer Post hielt die neue Bürgermeisterin es wegen der Inschrift “für unmöglich”, am alten Mahnmal “ein ehrendes Gedenken zu veranstalten.”

Auch die WAZ berichtete am 21.11.2015 über das Thema. Hierzu zwei Anmerkungen: In dem Artikel wird erwähnt, dass das NS-Kriegerdenkmal 1938 eingeweiht wurde; das ist falsch, es war 1936. Zudem wird gesagt, dass “zu Beginn des Jahres” (2015) die Inschrift der Verwaltung bekannt geworden sei; ich habe den damaligen Bürgermeister Anfang Oktober 2014 per Email angeschrieben und ihn auf die Inschrift aufmerksam gemacht. Eine Reaktion von der Stadt kam Anfang November 2014, rund 14 Tage vor dem Totensonntag, der 2014 auf den 23.11.2014 fiel.

Der Kulturausschuss der Stadt Kalkar hat nun in Sachen seines NS-Kriegerdenkmals entschieden: Der Spruch von Hitler bleibt dran, das Denkmal soll mit Fotos und erläuternden Texten versehen werden (s. Meldung in der Rheinischen Post v. 12.5.2016, waz v. 12.5.2016). Die Frage ist: Werden nun wieder Gedenkveranstaltungen an diesem NS-Kriegerdenkmal abgehalten, womöglich verknüpft mit dem Gedenken an NS-Opfer? Zudem ist vorgesehen, dass aus dem ehemaligen Aufmarschplatz aus der NS-Zeit vor dem Denkmal nun ein “Platz der Begegnung” wird, mit Boule-Bahn und eventuell Fitnessgeräten ... In dem Artikel war auch zu lesen, dass das NS-Kriegerdenkmal nun als ein “historisches Zeugnis” angesehen wird. Es wird sehr interessant sein zu sehen, wie die Stadt auf den geplanten Tafeln begründen will, dass man den Hitler-Spruch für so wichtig hält, dass man ihn belässt, überhaupt insgesamt an dem NS-Kriegerdenkmal unbeachtet der Geschichte festzuhalten gedenkt. Wofür soll dieses Denkmal denn Zeugnis ablegen? Immerhin hatte die Stadt bis 2014 keine Bedenken, an diesem NS-Kriegerdenkmal ihre Gedenkveranstaltungen durchzuführen. Ist das Zeugnis also der sorglose  - oder soll man sagen: ahnungslose - Umgang nach 1945?

Es werden vier gefallene jüdische Soldaten auf dem Denkmal genannt: Albert Cohen, Emanuel und Julius Vyth und Josef Cahn. Nicht auszudenken, wenn spätere Verwandte von ihnen Opfer der NS-Verfolgung in Kalkar wurden ...