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Stolpersteine - Die Soziale Skulptur
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Angelehnt an den Begriff der "sozialen Plastik" von Beuys, könnten die STOLPERSTEINE des Bildhauers Gunter Demnig als eine "soziale Skulptur" interpretiert werden. Die Mitwirkung großer Kreise der Gesellschaft an diesem Projekt stellen sowohl eine Interaktion als auch eine Aneignung aller und des Einzelnen mit und an dem Projekt dar. Die "Skulptur" ist der einzelne und die Gesamtheit aller Stolpersteine, das "Soziale" ist die Vernetzung aller Initiativen in allen Medien.

Diese Seite beschäftigt sich mit den STOLPERSTEINEN des Bildhauers Gunter Demnig und den Vernetzungen innerhalb der Gesellschaft im Sinne einer sozialen Skulptur.

Soziales Netz:

Auf facebook und google+ betreue ich Seiten, auf denen regelmäßig weitere und vor allem tagesaktuelle Informationen gepostet werden.

Aktuelles:

- Der Klartext Verlag in Essen macht sein Herbstprogramm "Fachbuch" mit meinem Buch "STOLPERSTEINE. Idee.Künstler.Geschichte.Wirkung" auf. Wer weitere Informationen haben möchte, sollte auf der Homepage des Verlags vorbeischauen. In wenigen Wochen folgt dann ein Flyer, mit näheren Angaben zum Inhalt des Buches.

Literatur:

- Hesse, Hans/Purpus, Elke, „Vor der eigenen Haustür wird die Verdrängung schwieriger“. Gunter Demnigs Projekt STOLPERSTEINE in Frechen, in: Jahrbuch des Frechener Geschichtsvereins e.V., Bd. 5/2009, S. 221–250 (dieser Aufsatz ist auf der Homepage des Frechener Geschichtsvereins im Bereich “Projekte” und dann “Stolpersteine” herunterladbar).

- Hesse, Hans/Purpus, Elke, „STIFTUNG – SPUREN – Gunter Demnig“, in: Jahrbuch des Frechener Geschichtsvereins e.V., Bd. 11/2015, S. 186–194.

- Hesse, Hans, Wegweisende Steine, in: taz v. 3.5.2016, Berliner Ausgabe, S. 31.

- Hesse, Hans/Purpus, Elke, Retrospektiven I – Zum Werk von Gunter Demnig: Unerhört vielstimmig – Klangskulpturen, in: Jahrbuch des Frechener Geschichtsvereins e.V., Bd. 12/2016, S. 225–244.

- Hesse, Hans, Das „Jahrhundertprojekt“, in: Gegen Vergessen – Für Demokratie, Nr. 93/2017, S. 14–15.

Ausstellungsbeitrag von Gunter Demnig zur Ausstellung “Einladung zum Bedenken” im Hochbunker Körnerstraße in Köln

Erstmals wurde der Hochbunker mit einer Ausstellung bespielt. Zukünftig wird dieser Ort weitere Ausstellungen beherbergen (www.bunkerk101.de). Demnig ‘verlegte’ mehrere STOLPERSTEINE in einem Raum des Bunkers und somit an einem Ort, den Juden und andere NS-Verfolgte nie betreten durften, sondern der als Schutzraum lediglich “Volksdeutschen” vorbehalten war. Während ihre Opfer schutz- und rechtelos dem Draußen ausgesetzt waren, verkrochen sich die “Volksdeutschen” an diesen beklemmenden Ort. Gebaut wurden die Bunker von Zwangsarbeitern, zum Teil auf Grundstücken, auf denen zuvor Synagogen standen. Auch in der Körnerstraße stand neben dem heutigen Bunker eine Synagoge. Ähnliches lässt sich z. B. in Düsseldorf oder in Siegen finden. In Siegen wird der Bunker heute als NS-Dokumentationsort genutzt. Demnig bricht mit den STOLPERSTEINEN symbolisch in diese Schutzzone ein und konfrontiert die Besucher dieser Schutzräume mit dem Schicksal der Schutzlosen.

Bunker sind vieldeutige Symbole. Der Denkmalschutz sind in ihnen manchmal technisierte Wehranlagen, als Weiterentwicklung mittelalterlicher Wehrtürme o.ä. etwa, manchmal als Anti-Kriegs-Symbole. Vielerorts dienen sie zur Verdeutlichung der Schrecken des Bombenkrieges und laufen Gefahr, einer Selbstviktimisierung der “Deutschen”, die sich dem “Bombenterror” der Alliierten ausgesetzt sahen, das Wort zu reden, darin ähnlich manchen Entwicklungen zum Beispiel am Westwall (etwa Hürtgenwald), wo Bunkeranlagen einem unkritischen Schlachtfeldtourismus angedient werden.

Demnigs Objekt hat den Titel: “Bunker - Betreten - Verboten”.

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Stolpersteineputzaktion in Hürth in der Severinusstraße in Hermülheim am 9. November 2015 gestartet.

Nach der Verlegung 2008 wurde mit der Aktion am 9. November 2015 in der Severinusstraße begonnen. Das Ziel ist es, Putzpaten für alle Stolpersteine in Stadt zu finden. Die Aktion, die ich im Sommer 2015 bei der Stadt angeregt hatte, hatte damit einen sehr guten Auftakt.

2008

2008

2015

2015

Vorher3

2016, Stolperstein in der Matthiasstr. 4 in Alt-Hürth

November 2015
nachher3

Rezensionen:

Stadt Gütersloh (Hg.), Stolpersteine in Gütersloh – Ihr Name lebt weiter, Gütersloh 2015. 63 S., Fotografien von Detlef Güthenke

Die Publikation gehört einerseits zu den zahlreichen Veröffentlichungen, die im Gefolge der Stolpersteinverlegungen entstanden sind. Die Initiatoren wollen es nicht allein bei der Verlegung der Steine belassen, sondern greifen die Spur auf, um den Namen Biografien hinzuzufügen. Vielfach sind hierfür gar nicht weitere Recherchen notwendig, da sie im Zuge des gesamten Stolperstein-Projektes quasi ‚natürlich‘ entstehen. Nachforschungen in den Stadtarchiven vor Ort und anderer Stelle führen in vielen Fällen zu mehr Erkenntnissen über die Person/Familie, als auf dem jeweiligen Stein verzeichnet werden kann, verzeichnet werden soll. In einer nachfolgenden Publikation (immer häufiger auch im Internet z.B. auf einer Homepage der Initiative oder – noch aktueller – auf Handy-Apps) ist den Initiatoren, den Herausgebern dann die Möglichkeit gegeben, die Biografien, die Spuren zu vervollständigen. Dies ist eine der wichtigsten Folgen des Stolperstein-Projektes, die so vom Künstler nicht angedacht war und die trotzdem in der Logik des Projektes steht: eine Spur führt zu einer intensiveren Auseinandersetzung mit dem NS-Opfer (nicht allein der NS-Verfolgung der Juden im Allgemeinen, sondern der NS-Verfolgung des namentlichen Opfers im Besonderen); der Stolperstein ist der erste Stein dieser Spur und zugleich der Abschlussstein des Rechercheergebnisses. Das Projekt insgesamt muss nicht, im Gegensatz zu den üblichen Mahnmalen, in einem Zug abgeschlossen werden, sondern es schiebt sich quasi an, work in progress. Ein verlegter Stolperstein ist häufig kein Abschluss, sondern ein Anstoß zu weiteren.

Es ist dies vielleicht ein Vorgang innerhalb des Stolperstein-Projektes, der am meisten unterschätzt wird. Sicherlich, die Nennung eines Namens ist der Auftakt. Aber ohne den Versuch, die Biografie des hinter diesem Namen stehenden Menschen zu recherchieren, bleibt der Name nur eine wenig aussagekräftige Information. Erkennbar ist dieser Effekt an den abertausenden so genannten Kriegerdenkmälern für die Gefallenen des I. Weltkriegs, die vielfach auch die Namen der getöteten Soldaten nennen, ihre Biografie aber, etwa die Frage danach, warum sie in diesen Krieg zogen, wie sie starben, wo sie beerdigt liegen, etc. unbeantwortet lassen. Die bloße Namensnennung wird so zu einer sinnentleerten Hülse. Wohl wussten die Zeitgenossen, als die Denkmäler für die getöteten Soldaten des I. Weltkriegs eingeweiht wurden, wer und was sich hinter den einzelnen Namen verbarg. Aber nur wenige Generationen später ist dieses Wissen, das im Wesentlichen ein familiengebundenes war, verschwunden. Die Namen sagen uns heute im wahrsten Sinne des Wortes nichts mehr und die damaligen Initiatoren haben es in aller Regel versäumt, ihr Wissen für die nachfolgenden Generationen zu sichern.

Des Weiteren verlangt eine Spur in erster Linie immer nach ‚noch mehr Information‘ und nicht nach ‚noch mehr Gedenken‘. Und Wissen ist nachhaltiger als Gedenken. Auch dies kann man an den so genannten Kriegerdenkmälern ablesen. Wird wirklich den getöteten Soldaten gedacht, die niemand mehr kennt?

Wie gesagt, einerseits bewegt sich somit die Gütersloher Publikation in dem – erfreulichen – Rahmen der vielen Veröffentlichungen im Gefolge der Stolpersteinverlegungen. Andererseits sticht sie aus diesen hervor. Und dies gleich in mehrfacher Hinsicht. Zunächst das Übliche: einem Vorwort der Bürgermeisterin als Herausgeberin, folgt eine kurze Einleitung des Stadtarchivars zur Geschichte der jüdischen Gemeinde in Gütersloh. Daran schließen sich eine Vorstellung der Gedenkzeichen zur NS-Verfolgung der Juden in der Stadt (Synagogen und jüdischer Friedhof) und eine sehr kurze Vorstellung des Stolperstein-Projektes (nicht des Künstlers Gunter Demnig, was man kritisch anmerken könnte) an. Die Broschüre endet mit einem Link- und Literaturverzeichnis. Letzteres beschränkt sich auf die wesentlichen Publikationen zur Stadtgeschichte. Zum Stolperstein-Projekt wird lediglich auf eine Veröffentlichung aus dem Jahr 2010 (herausgegeben von Joachim Rönneper) verwiesen. Insgesamt werden in der Broschüre der Künstler Gunter Demnig und sein Projekt zu kurz behandelt.

Der eigentliche Hauptteil des Buches wird durch einen Stadtplan mit dem Verzeichnis der Stolpersteine eröffnet. Es folgen die einzelnen Verlegeorte nach Straßennamen, alphabetisch sortiert, und biografische Angaben zu insgesamt 44 Menschen (im März 2005, als das Projekt in Gütersloh vorgestellt wurde, ging man noch von 26 Männer und Frauen aus). Jeder Verlegeort ist fotografisch dokumentiert, eine Kurzinformation zu den Häusern klärt über vormalige Besitzer und/oder Bewohner auf (mitunter unter Hinzuziehung eines historischen Fotos), die Kurzbiografien werden – sofern vorhanden – eingeleitet durch Fotos der verfolgten Menschen. Die Lebensläufe vermitteln die Totalität der NS-Verfolgung und ihren vielen Verästelungen, die die Menschen durch ganz Europa, ja, durch die Welt trieben.

Was die Gütersloher Broschüre insbesondere auszeichnet, ist der Mut zur Leere, zur Lücke, ein Deutlichmachen, dass mitunter eine Information fehlt, der vorgesehene Platz/Raum nicht gefüllt werden konnte, weil das Foto und/oder weitere Informationen zur Biografie fehlten. Dies ist im Layout durch das Auffüllen der Zeilen durch graue Bänder/Streifen sehr schön hervorgehoben worden. Wären sie schwarz, könnte der Leser an geschwärzte Stellen innerhalb eines Textes, etwa an Zensur erinnert werden. Die graue Farbe jedoch, die auch als Hintergrundfarbe der Häuserinformationskästen verwendet wurde, erinnert eher an Leere, eine schmerzende Leere, wie man sie auch bei den fehlenden Fotos zu den Opfern spürt.

Dies wird kongenial von den Fotografien aufgegriffen und bemerkenswert fortgeführt. Sie stammen von dem Gütersloher Fotografen Detlef Güthenke, der zusammen mit dem Grafiker Eckhard Kleßmann die Broschüre konzipiert hat. Bereits in dem Vorwort der Bürgermeisterin Maria Unger werden, ausgerechnet an der Stelle, wo sie die Fotografien anspricht, die Worte „Verlust“ und „verschwunden“ gebraucht. Dieser Verlust, das Verschwundensein und die damit eingetretene Leere werden in den Fotografien nachspürbar. Güthenke nahm die Verlegeorte nachts auf. Die dadurch provozierte Stimmung ist düster, dunkel, bedrohlich. Menschen fehlen (nur ein Foto weicht von diesem Prinzip ab, S. 28), die Orte scheinen verlassen und doch gefüllt mit unserem heutigen Stadtgepräge: Geschäftsläden, Mülltonnen, Werbung, dekorierte Schaufenster, gegenwärtige Innenstadtarchitektur, die mit den historischen Fotos einen neuen Spannungsbogen ausmachen. Die Orte scheinen wie eingefroren. Das Licht und die Reflexionen erzeugen eine eigene Dramaturgie. Die Stolpersteine spiegeln sich mitunter in diesen nächtlichen Reflexionen, klein, scheinbar unscheinbar und doch eine Markierung. Sie sind nicht, wie sonst häufig üblich, formatfüllend (und somit verzerrt, weil ihre Größe künstlich aufgeblasen ist) wiedergegeben, sondern im Raum, in der Nacht, in der Verlassenheit dokumentiert, wodurch ihre Raumwirkung realistischer wiedergegeben ist. Der Fotograf schrieb mir hierzu u.a. (in einer Email v. 28.1.2015): „Wenn nun diese besonderen Orte für eine Publikation fotografiert werden sollen, die es sich zum Anliegen macht, den Stolpersteinen mehr Aufmerksamkeit zu schenken, dann ist es mein Wunsch, der schnellen Wahrnehmung und dem flüchtigen Blick auf diese Bilder etwas entgegenzusetzen.

In den Nachtstunden aufgenommene Fotos überraschen doch immer wieder den Blick auf das allzu Vertraute. Dieser Moment beginnender Aufmerksamkeit bremst die schnelle Wahrnehmung, der flüchtige Blick kommt ins Stocken und das Foto nutzt jetzt die Gelegenheit. Es erzählt ganz ruhig von einem Ort, den hier jeder kennt und an dem wirklich Finsteres geschah. Die Dunkelheit ist sowohl der Mechanismus als auch Symbolik meiner Fotos.“ Und zur Gesamtkonzeption der Broschüre: „Es gibt viele ungenutzte Flächen, die sich aus den vielen Fehlstellen in den Biografien der deportierten Mitbürgern ergeben. Schließlich ist keine Information doch auch eine Information.“

Die Fotos sind von einer ungeheuren satten Brillanz und Tiefenschärfe. Und erzählen eigene Geschichten: Auf dem Foto auf S. 28 ist eine Stadtwerbung zu sehen, u.a. mit den Worten: „Herzlich Willkommen in Gütersloh. Schön, dass Sie hier sind!“ Der Stolperstein, in einem gewissen Abstand davor verlegt, wird von dieser ‚Botschaft‘ beleuchtet, obwohl er eine Leerstelle und Feindseligkeit markiert; das Foto auf S. 22 zeigt ein Schaufenster, in dem der Schriftzug „Weltbild“ reflektiert wird und das vier junge Frauen (Models) zeigt, die diese unsrige heutige ‚schöne‘ Welt verkörpern. Die Stolpersteine davor brechen diese Botschaft auf; auf S. 44 scheinen die Straßenlaternen nur der Beleuchtung der Stolpersteine unter ihnen zu dienen; auf S. 56 leuchtet ein rotes Schild mit der Aufschrift „Hier!“, während die Stolpersteine davor das Gegenteil dokumentieren; der Stolperstein vor der Sparkasse leuchtet rot (S. 32).

Die Fotos von Detlef Güthenke geben der Broschüre eine herausragende Qualität, die von dem Layout unterstützt wird.

Auch in Gütersloh zeigt sich eine Schwäche, nicht so sehr der Borschüre als vielmehr des Stolperstein-Projektes insgesamt: Es vermag in der gegenwärtigen Struktur auch unter größten Anstrengungen nicht, die unterschiedlichen NS-Verfolgungen zur Gänze abzubilden (mit der Ausnahme kleinerer Gemeinden) oder aber für alle NS-Opfer (egal, ob man unter diesem Begriff ausschließlich tote oder ermordete oder auch überlebende Opfer subsummieren möchte) einen Stolperstein zu verlegen. Es bleibt fragmentarisch, in gewisser Weise – bei allen Steuerungsversuchen – von Zufällen abhängig. Es bietet Spuren, denen weiter nachgegangen werden kann – oder auch nicht, je nachdem, ob eine Initiative oder Person den Faden aufnimmt und weiterspinnt …

Hans Hesse, 12.2.2015

Gladbecker Bündnis für Courage (Hg.), Spurensuche – "Stolpersteine" in Gladbeck 2012, (Gladbeck 2014?), 266 S., zahlreiche Abbildungen Dokumente, Materialien.

Es ist dies bereits die dritte Veröffentlichung im Zusammenhang mit den Stolperstein-Verlegungen in Gladbeck. Ähnliche Publikationen gab es bereits 2009 und 2010. Diese dritte ergänzt die Vorgänger und dokumentiert zugleich die dritte Verlegung in Gladbeck am 11. Dezember 2012. Von den insgesamt 70 Stolpersteinen wurden allein an diesem Tag 25 verlegt. Und wie bei den vorangegangenen Verlegungen scheint es auch dieses Mal eine begleitende Ausstellung gegeben zu haben, die von Schülerinnen und Schülern zusammengestellt und im Dietrich-Bonhoeffer-Haus gezeigt wurde. In der Broschüre werden die Biografien hinter den Stolpersteinen dokumentiert. Die einzelnen Kapitel mögen nach einem immer gleichen Schema aufgebaut sein (zunächst werden die Stolpersteine selber gezeigt, es folgen Fotos von der Verlegung, dann die Biografie), die biografischen Abschnitte sind höchst unterschiedlich und variieren in Abhängigkeit von den Informationen, die zu der einzelnen Person gefunden wurden. Die verwendeten Materialien können Dokumente aus dem Getto Litzmannstadt, die einer anderen Publikation entnommen worden sind, oder Dokumente aus dem Stadtarchiv Gladbeck oder anderen Archiven, aus dem Internet oder sonstiger Herkunft (Emails, Briefausschnitte) sein. Es sind Materialsammlungen, Rechercheergebnisse, die in Fotokopien wiedergegeben und dem jeweiligen biografischen Text angehängt wurden. Die Querverbindungen zwischen den Texten und den Dokumenten muss der Leser selber herstellen. Es sind insgesamt also nicht wissenschaftlich aufbereitete Texte, sondern z.T. auch Textfragmente, die anlässlich der Verlegungen vorgetragen wurden. Hierzu können ebenso Gedichte gehören, etwa von Erich Fried, Texte von Martin Niemöller. Es sind die Spuren, die bei der Recherche gefunden wurden, es sind Mosaiksteine, die nicht als geschlossenes Bild zusammengesetzt präsentiert werden, sondern mitunter fragmentarisch, zerrissen, uneinheitlich sind, unvollendet bleiben wollen, und dennoch zeigen, welche Wege die Sucher gegangen sind, wo sie fündig wurden, was zur Biografie wesentliches beitrug, was unverhofft und unbeantwortet endet.

Abgeschlossen wird die Dokumentation dieser Spurensuche, die in der Verlegung einer weiteren Spur in der Stadt gipfelte und endete, mit der Wiedergabe der Zeitungsausschnitte zur Verlegung und einem Stadtplan mit dem Eintrag der Verlegeorte.

Das eigentlich Überraschende und Irritierende an der Publikation ist jedoch etwas anderes. Es handelt sich um die Recherche zu Rubin, Fanny und Paula Mingelgrün, die in Gladbeck in der Horster Straße 2 wohnten, und die nach den Stolperstein-Biografien wiedergegeben wird. Hierbei ist es nicht die Biografie, die auf wenigen Seiten zusammengefasst wird, sondern der Umstand, dass für diese drei NS-Verfolgten offensichtlich keine Stolpersteine verlegt, sie aber in dieser Borschüre mit aufgenommen wurden, der irritiert. Der Grund könnte darin zu suchen sein, dass alle drei 'überlebt' haben. Was 'überlebt' in diesen Fällen heißt, lässt sich anhand der spärlichen Informationen nur erahnen. Der Weg dieser drei Überlebenden ist zerrissen, unklar, richtungslos, orientierungslos, zerfasert. Nicht nur auf Stolpersteine wurde verzichtet, auch die zahlreichen Dokumente, die offenbar vorhanden sind, wurden nicht abgedruckt. Der Leser bleibt ein wenig konsterniert zurück. Oder wurde hier eine Spur gelegt? Ein Hinweis auf eine sich anbahnende Auseinandersetzung, z.B. darüber, wer NS-Opfer ist, für wen Stolpersteine verlegt werden sollten, ausschließlich für Menschen, die getötet, ermordet wurden? Wollten die Initiatoren verhindern, dass das Schicksal dieser drei NS-Verfolgten vergessen wird?

So legt man denn diese Broschüre sehr nachdenklich zur Seite: wer ist ein NS-Opfer und wem sollte gedacht werden?

Hans Hesse, 29.4.2014

Wiltrud Ahlers, Peter Christoffersen, Michael Cochu, Barbara Johr: Stolpersteine in Bremen. Biografische Spurensuche. Region Nord, Bremen 2013. 180 S. mit zahlreichen Abb. ISBN: 978-3-944201-12-2, Preis 14,80 €

 Die Überschrift des Zeitungsartikels illustriert sehr schön die Transformation der STOLPERSTEINE in ein anderes Medium, in diesem Fall in ein Buch. Im September erschien der erste Band einer auf sechs Bände angelegten Reihe über die STOLPERSTEINE in Bremen. Der 1. Band betrifft die Region Nord, d.h. Burglesum, Vegesack, Blumenthal und Ritterhude. Das Buch ergänzt das Angebot der Landeszentrale für politische Bildung Bremen im Internet (http://www.stolpersteine-bremen.de/). Neben dem Hauptschwerpunkt des Buches, den Opferbiografien, beschäftigen sich kurze einleitende Texte mit Teilaspekten wie der kunsthistorischen Einordnung des STOLPERSTEIN-Projektes, der gedenkpolitischen Einordnung oder praxisbezogenen Hinweisen zur biografischen Spurensuche. Der historische Gesamtkontext wird durch einen weiteren Schwerpunkt gegeben: Vier Beiträge behandeln die Geschichte von Bremen-Nord, den jüdischen Friedhof in Schwanewede, die Zerstörung der Synagoge in Aumund und die Erinnerungs- und Gedenkkultur in Bremen-Nord. Ein umfangreicher Anhang mit einem Glossar, einer Zeitleiste, Literaturhinweisen und Internetadressen, einem Personenregister und einem Orteverzeichnis ermöglicht sowohl eine Vertiefung des Themas als auch eine schnelle Recherche der STOLPERSTEINE entweder über den Namen oder die Straße und runden den Band weiter ab. Ein Stadtplan für Vegesack und Blumenthal ermöglicht dem Leser des Weiteren die Planung eigener Touren. Auch dies spiegelt den hohen Gebrauchswert des Bandes für den Leser wider.

Die Texte des biografischen Teils lehnen sich an denen aus dem Internet an, wurden durch weitere Fotos und/oder Dokumente ergänzt und stellen wohl den aktuelleren Forschungsstand dar. Zu überlegen wäre, ob die Textfassungen aus dem Buch nicht für das Internet übernommen werden sollten, insbesondere, wenn die Autoren identisch sind. Das Buch zeigt, wie das STOLPERSTEIN-Projekt über die wissenschaftliche Aufarbeitung hinaus, über die biografische "Spur" Impulse zur weiteren Beschäftigung mit den Themen "NS-Verfolgung" und "Gedenken" gibt. Nicht nur in Deutschland, sondern z.B. auch in den Niederlanden (aktuell: Stichting Stolpersteine Goor (Hg.), Een mens is pas vergeten, als zijn naam vergeten is, Goor 2013). Es ist somit sehr zu begrüßen, dass nunmehr auch die Stadt Bremen, die zu den wenigen Städten gehört, in denen STOLPERSTEINE nicht nur von Gunter Demnig verlegt werden, durch eine Buchreihe die seit 2004 verlegten STOLPERSTEINE nachhaltig aufwertet und somit den NS-Opfern nicht nur einen Namen, sondern auch eine Biografie gibt.

Abschließend sei auf ein Aspekt gesondert hingewiesen: Es muss berücksichtigt werden, dass die STOLPERSTEINE und das Buch - und das gilt nicht nur für Bremen - nicht alle Opfergruppen repräsentieren, sofern sie sich nicht an dem Projekt beteiligen oder beteiligt werden. Letzteres kann durch zielgerichtete Betreuung der lokalen STOLPERSTEIN-Initiativen etwa durch Archive, den Landeszentralen der politischen Bildung oder NS-Dokumentationszentren verhindert werden, so dass eventuelle verzehrende Gewichtungen vermieden werden können. Eine generelle Nichtbeteiligung verhindert jedoch die Verortung über das STOLPERSTEIN-Projekt von einzelnen Personen oder ganzen Gruppen im öffentlichen Gedenk-Raum und somit in der öffentlichen Wahrnehmung. Für die Nichtbeteiligung gibt es Begründungen. Diese Nichtberücksichtigung ist jedoch den Autoren und Herausgebern des vorliegenden Bandes nicht anzulasten, sondern ein grundsätzlicher Aspekt. Für Blumenthal könnte z.B. angefügt werden, dass aus der Schule in der Fresenbergstraße im März 1943 Sinti-Schulkinder aus dem Unterricht heraus von der Polizei abgeführt und später über den Schlachthof in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert und dort z.T. ermordet wurden. Es ist bedauerlich, dass es im Moment nicht möglich scheint, auch diese NS-Verfolgung im öffentlichen Gedenk-Raum zu verorten.

Hans Hesse, 21.11.2013