Biografische Skizze
(vorerst noch ohne Verlinkungen und Fotos)
Geboren bin ich 1961 in Bremen. Ich wuchs in Bremen-Walle und Bremen-Neue Vahr/Kurfürstenviertel auf. Nach Abitur und Zivildienst zog ich zum Studieren nach Berlin. Kurze Zeit wohnten wir in Berlin-Moabit, dann in Berlin-Kreuzberg/61. An dem Friedrich-Meinecke-Institut der FU Berlin belegte ich die Fächer Neue Geschichte, Alte Geschichte und Publizistik. Ursprünglich hatte ich vor, Theaterwissenschaften in Kombination mit Geschichte zu studieren, aber wegen der unterschiedlichen Abschlüsse (Magister/Diplom), wurden die Theaterwissenschaften gegen Publizistik ausgetauscht.
Einen Teil meines Studiums finanzierte ich durch das Schreiben von Glossen, Satiren und Sketchen für den Hörfunk und für diverse Zeitungen. Nach dem Studium schloss sich eine intensive journalistische Tätigkeit zu vorwiegend historischen Themen an. Es entstanden zahlreiche Feature.
Parallel dazu und im Zuge meiner Vorrecherche zur Doktorarbeit stieß ich im Bremer Staatsarchiv auf die Entnazifizierungsakte des Kriminalsekretärs Wilhelm Mündtrath. Er hatte in der NS-Zeit das sog. Zigeunerdezernat geleitet und u.a. im März 1943 die Deportationen der Sinti und Roma aus Nordwestdeutschland nach Auschwitz geleitet. Einen der Deportationszüge begleitete er persönlich nach Auschwitz.
Bis zu diesem Zeitpunkt war über die NS-Verfolgung der Sinti und Roma in Bremen und Bremerhaven nur sehr wenig bekannt. Dieser Aktenfund ermöglichte nun erstmals eine intensive Aufarbeitung der Geschehnisse in der NS-Zeit. Zusammen mit dem Bremer Sinti-Verein und Jens Schreiber startete ich ein Forschungsprojekt. Es führte letzten Endes auf meine Anregung hin (zuerst stellte ich diese Idee den MitarbeiterInnen im Kulturzentrum vor, dann zusammen mit ihnen dem Bremer Sinti-Verein) zu den Gedenktafeln 1993 in Bremen (auf dem ehemaligen Schlachthof am Hauptbahnhof, der als Sammellager von der Bremer Kripo genutzt worden war) und Bremerhaven und zusammen mit Jens Schreiber zu einer Publikation über die NS-Verfolgung der Sinti und Roma in Nordwestdeutschland.
Ein Teil der Recherchen zu diesem Projekt führte mich zum damaligen Berliner Document Center. Eine junge Bremer Sintezza war kurze Zeit in dem Frauenkonzentrationslager Moringen (bei Göttingen) inhaftiert. Akten hierzu befanden sich auch im Document Center. Der Fund bestand aus über 300 Personalakten zu Häftlingen des Moringer Frauen-KZ. In den Akten befanden sich Fotos, Tagebücher, Briefe, Korrespondenzen u.v.m. Wie er nach Berlin gekommen war, ist unklar. Durch seine Aufbewahrung in dem damals schwerzugänglichen Document Center war er jedoch in Vergessenheit geraten. Dies erfuhr ich, als ich derentwillen die KZ-Gedenkstätte in Moringen kontaktierte.
Im Herbst 1995 startete an der Gedenkstätte ein zweijähriges Projekt zu den ersten beiden Konzentrationslagern in Moringen, dem frühen und Frauen-KZ. Ziel waren zwei wissenschaftliche Publikationen zu den KZ und die Erweiterung der bestehenden Ausstellung um die Geschichte dieser KZ. Hierfür zog ich von Berlin nach Northeim, um neben der Projektarbeit auch in der Gedenkstätte zu arbeiten. Nach Abschluss dieser Forschungen und Fertigstellung der Publikationen zum frühen und Frauen-KZ, schloss sich noch eine Mitarbeit in einem weiteren Projekt an der Gedenkstätte an (Abfassung eines Drehbuches).
Die Nähe zur Universitätsstadt Göttingen ermöglichte es mir während dieser Zeit eine Recherche aus meinen Forschungen über die NS-Verfolgung der Sinti und Roma abzuschließen. Ein Kollege hatte mir den Tipp gegeben, dass eine Mitarbeiterin des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik in Berlin-Dahlem, die sich für die Verschiedenfarbigkeit menschlicher Augen interessierte, in Bremen entnazifiziert worden sei. Ich fand ihre Akte. Es stellte sich heraus, dass sie ihre Untersuchungen an Oldenburger Sinti durchgeführt hatte und sich von Mengele deren Augen aus Auschwitz nach deren Tod schicken ließ. Nach 1945 arbeitete sie als Lehrerin in Bremen. Studiert hatte Karin Magnussen in Göttingen, wo ich nun meine Recherchen über sie vervollständigen konnte. Ernst Klee ermöglichte mir den Kontakt zu einem Familienangehörigen, der mir weitere Dokumente zur Verfügung stellte. Nach meiner Projekttätigkeit in Moringen an der Gedenkstätte konnte ich das Buch 2001 endlich veröffentlichen.
Die Arbeit in Moringen verstärkte mein Interesse an Biografien von Zeitzeugen. Die erste Publikation hierzu war die Veröffentlichung der Briefe von Hannah Vogt aus dem Gerichtsgefängnis in Osterode (Harz) und dem KZ Moringen. Seit November 2003 befindet sich in Osterode in der Zelle, in der Hannah Vogt als junge Frau mehrere Wochen inhaftiert war, bevor sie ins KZ nach Moringen kam, eine kleine Gedenkstätte.
Zuvor hatte ich eine Szenische Lesung aus diesem Briefwechsel erarbeitet. Sie wurde am 13. September 1997 in der Stadthalle Moringen uraufgeführt. Der Chefdramaturg des Deutschen Theaters Göttingen, Norbert Baensch, der Hannah Vogt persönlich kannte, sowie die Schauspielerinnen Elsbeth May und Anne-Dore Strauss gestalteten diesen nachdenklichen Abend.
Er fand eine Fortsetzung am 9. November 1997 im Studio des Deutschen Theaters Göttingen.
Die Szenische Lesung wurde am 27. Januar 1998 im Osteroder Amtsgerichtsgefängnis erneut aufgeführt. Diesmal waren es junge Menschen des Vereins „Jugend für Dora e. V.“ der Gedenkstätte KZ Mittelbau-Dora, die die Lesung gestalteten. Es lasen Dorothea August, Kathy Porchaska und Jens-Uwe Fischer.
Anlässlich meiner Buchveröffentlichung „Hoffnung ist ein ewiges Begräbnis“, die den Briefwechsel Hannah Vogts dokumentiert, wurde die Szenische Lesung am 6. Oktober 1998 im Alten Rathaus in Göttingen letztmalig wiederholt. Wieder wirkten die Schauspielerinnen Elsbeth May und Anne-Dore Strauss mit.
Im Herbst 2006 griff die Gedenkstätte KZ Moringen meine Idee der Lesungen aus dem Briefwechsel erneut auf. In erneuter Kooperation mit dem Deutschen Theater in Göttingen wurden Lesungen aus den Briefen Hannah Vogts aus der Moringer Lagerzeit (1933) durch die Gedenkstätte KZ Moringen durchgeführt.
Im Oktober 2021 wurde aus dem Briefwechsel erneut gelesen. Am Tilman-Riemenschneider-Gymnasium in Osterode organsierte die Abiturientin Larissa-Marie Lömpel, die zuvor in der Moringer KZ Gedenkstätte ein Praktikum absolviert hatte, zusammen mit der Gedenkstätte und der Theaterproduktion „stille hunde“ diese Szenische Lesung.
Während meiner Projektarbeit in Moringen stieß ich noch auf ein weiteres Thema, das mich über mehrere Jahrzehnte beschäftigen sollte: Die NS-Verfolgung der Zeugen Jehovas. Den Anfang machte meine Feststellung, dass die Zeuginnen Jehovas in dem Frauen-KZ Moringen keine kleine Gruppe darstellten, sondern dass sie phasenweise sogar das größte Kontingent an Inhaftierten stellten. Parallel hierzu fanden im In- und Ausland mehrere wissenschaftliche Tagungen statt, an denen ich als Referent teilnahm. Im Zuge dieser Tagungen entstand immer wieder der Wunsch nach einer Dokumentation der Referate in einem Tagungsband, da es in den 1990er Jahren nur sehr wenige Informationen über die Geschichte der NS-Verfolgung der Zeugen Jehovas gab. Einen dieser Tagungsbände gab ich 1998 heraus.
Zusammen mit Jürgen Harder, der zuvor seine Magisterarbeit über die Zeuginnen Jehovas im Frauen-KZ Moringen geschrieben hatte, begann ich zu der Gruppe der Zeuginnen Jehovas mit Recherchen.
Ursprünglich planten wir diese spezielle Häftlingsgruppe in den verschiedensten Frauen-KZ gesondert zu untersuchen. Als wir jedoch feststellten, dass es sich häufig um die gleichen Frauen handelte, die in Moringen, Lichtenburg und Ravensbrück inhaftiert waren, entschlossen wir uns, die Verfolgungsgeschichte dieser Frauen in einer umfangreichen Monografie darzustellen. Sie erschien 2001.
Während meiner Arbeiten über die NS-Verfolgung der Zeugen Jehovas lernte ich Horst Schmidt kennen. Auf diversen Veranstaltungen hatte er über seine Verfolgungsgeschichte berichtet. Er war Zeuge Jehovas und Kriegsdienstverweigerer. Seine Mutter, Emmy Zehden, hatte mehrere Kriegsdienstverweigerer versteckt und wurde in Berlin-Plötzensee hingerichtet. Der Weg an der heutigen Gedenkstätte ist nach ihr benannt. Horst hatte sich zunächst versteckt und war später im Untergrund als Kurier im Deutschen Reich unterwegs. In Danzig wurde auch er verhaftet und in Berlin vom Volksgerichtshof zum Tode verurteilt. Während der Verhandlung erfuhr er von der Hinrichtung seiner Mutter.
Mehrfach fragte ich Horst, ob er seine Erlebnisse nicht aufschreiben wolle. Da er dies regelmäßig verneinte, begann ich, ihn immer wieder auf die Notwendigkeit einer Niederschrift hinzuweisen. Eines Tages überraschte er mich mit seiner Ankündigung, nunmehr doch ein Manuskript abfassen zu wollen. So begann unsere Zusammenarbeit, die 2003 zur Veröffentlichung des Buches „Der Tod kam immer montags“ führte. Da der Titel ein wenig ungewöhnlich klingt, gebe ich die entsprechende Textpassage wieder:
„Der Tod kam immer montags. So gegen 10 Uhr fing er an der gegenüber liegende Zellenreihe an. Ich stellte ihn mir vor, wie er da kam: In der Person des Wachtmeisters mit seiner grünen Jacke und den silbernen Knöpfen und der schwarzen Hose. Eine Schirmmütze hatte er auf, und wenn er Gamaschenstiefel anhatte, klangen seine Schritte ganz schauerlich auf dem Steinboden. In der Hand hatte er einen Schlüsselbund und einen Zettel, auf dem die Namen derer standen, die er sich holen wollte. So ging er den Stationsgang hinunter und ganz still wurde es, denn jeder wollte hören, wo er eine Tür aufschloss und wie viele er holte. Dann kam er auf unserer Seite zurück, und je näher er unserer Tür kam, umso beklemmender wurde es. Blieb er stehen oder ging er vorüber? Er ging vorüber und für eine Woche war uns das Leben gegeben. Aber die Ruhe auf der Station blieb, als ob jeder an die dachte, die nun nicht mehr waren. Ab und zu wurde ein Name gerufen und wenn keine Antwort kam, dann wusste der Betreffende, dass sein Freund nicht mehr am Leben war. Wie viel Türen hatte der Tod diesmal aufgeschlossen? So genau wusste man es nie. Zwei, drei, oder vier?
Einmal aber musste sich der Tod verrechnet haben. Er kam mitten in der Woche. Ich war ganz erschrocken, denn damit hatte doch keiner gerechnet. Er hatte Helfershelfer mitgebracht und es entstand ein fürchterlicher Lärm auf dem Gang. Er fing auf der anderen Seite an, wie immer. Nun wurden die Türen auf- und zugeschlagen und die Schlüssel rasselten und klapperten. Der Tod ging den ganzen Gang hinunter und man glaubte, dass jede Tür aufgemacht wurde und dass alle Insassen herausgeholt wurden. Man hörte die schlurfenden Schritte des Gefangenen und die festen Schritte des Wachtpersonals. Wir standen an der Tür und lauschten. Jetzt kam der Tod auf unserer Seite zurück, die Schritte kamen näher und dann blieb er an unserer Tür stehen. Wir torkelten zurück zum Fenster, wir durften ja nicht an der Tür stehen. Aber da stand im Türrahmen schon der Tod mit seinem weißen Zettel, und er las den Namen des Franzosen vor, dessen Namen ihm wohl Schwierigkeiten bereitete, der nun heraustreten musste, der seine Brille abgeben musste und ein Helfershelfer schien ihn dann zum Ausgang zu bringen. Wieder schaute er auf seinen Zettel und auch der Pole stand darauf und er musste auch hinaus und wurde nach vorne gebracht. Dann schaute er mich an. Was habe ich in diesem Augenblick gedacht, habe ich was gesagt oder getan? Nichts weiß ich, ich sehe nur, wie die Türe wieder zugeht, und der Tod an mir vorüber- und weitergeht.“
Das Buch war recht erfolgreich. Und es war mit ein Anlass, dass im November 2005 in Horsts Geburtsstadt eine Straße nach seiner Mutter benannt wurde.
Der Klartext Verlag in Essen ermunterte mich, weitere Zeitzeugenbiografien aufzugreifen. Mit dieser Zusage im Rücken machte ich mich auf die Suche nach geeigneten Manuskripten. Einem Tipp folgend stieß ich auf zwei ungewöhnliche Zeitzeugenberichte. Den von Ewald Kaven und das Manuskript von Meta Kluge. Beide waren als Zeugen Jehovas in der DDR verfolgt worden, beide saßen nahezu zeitgleich in Bützow-Dreibergen (Mecklenburg-Vorpommern) eine langjährige Haftstrafe ab und beide hatten über diese Haftzeit Erinnerungen verfasst.
Aber es gab noch eine weitere Klammer, die beide Manuskripte miteinander verband. Meta Kluge schrieb in der Haft Gedichte. Schreiben war verboten, und so reimte sie, um sich ihre Erlebnisse und Empfindungen besser merken zu können. Manche Gedichte schrieb sie allerdings auf und versteckte sie in dem Strohsack, auf dem sie schlief. Eines Tages wurden diese Strohsäcke ausgetauscht. Einer gelang in die Männerabteilung zu Ewald Kaven, der die Gedichte fand und auswendig lernte. Erst Jahrzehnte später lernten sich beide in Westdeutschland kennen.
Diese Geschichte wollte ich unbedingt veröffentlichen, was auch 2004 (Ewald Kaven) und 2006 (Meta Kluge) geschah.
Ebenfalls 2004 gab ich die Autobiografie von Charlotte Tetzner heraus. Sie war von den Nationalsozialisten verfolgt worden, weil ihr Vater Kommunist war. Zusammen mit ihrer Mutter wurde sie in dem Frauen-KZ Ravensbrück eingesperrt. Dort erfuhren sie von dem Tod des Vaters und Ehemannes in dem KZ Dachau. Charlotte Tetzner wurde noch in fünf weitere KZ der Nationalsozialisten verschleppt, u.a. in Auschwitz. Nach dem Krieg blieb sie in der DDR.
Das Buch ist sehr außergewöhnlich. Zu den schriftlichen Äußerungen Charlotte Tetzners wählte ihr Ehemann, Heinz Tetzner, über 20 Grafiken aus, die in dem Buch abgedruckt wurden. Eine dieser Grafiken gab dem Buch auch den Titel „Frierende“.
Im April 2005 war ich an der Gründung des Freundes- heute Fördervereins der Kunst- und Museumsbibliothek der Stadt Köln beteiligt.
Heinz Tetzner war Maler und Grafiker. Als Expressionist wurde er in der DDR verfemt. Erst gegen Ende der DDR gelangte seine Kunst zur vollen Anerkennung. Seine Kunst begeisterte meine Frau, Dr. Elke Purpus, und mich sehr. So sehr, dass wir uns intensiver mit seinem druckgrafischen Werk auseinandersetzten und 2006 unsere Forschungen unter dem Titel „Geschriebenes“ veröffentlichten.
Parallel zu diesen Buchveröffentlichungen und mit unserem Umzug in die Nähe Kölns begann ich mit den Forschungen zu meiner Doktorarbeit. Seit Januar 2006 ist sie in der Schriftenreihe des Bremer Staatsarchivs unter dem Titel „Konstruktionen der Unschuld. Die Entnazifizierung am Beispiel von Bremen und Bremerhaven 1945-1953“ publiziert.
Die Veröffentlichung dieser Arbeit markiert auch den Beginn eines neuen Schwerpunktes, mit dem ich mich in der nahen Zukunft auseinandersetzte: Vergangenheitspolitik, Erinnern und Gedenken. 2008 erschien jeweils ein Buch über Denkmäler und Mahnmale zur NS-Zeit im Rhein-Erft-Kreis, 2010 eines über Köln. Parallel hierzu kuratierte ich entsprechende Ausstellungen: 2009 „Gedenken und Erinnern im Rhein-Erft-Kreis – Die NS-Zeit im Spiegel von Mahnmalen, Denkmälern und Gedenkstätten“. Sie war als Wanderausstellung der Kunst- und Museumsbibliothek der Stadt Köln konzipiert und wurde in Frechen, Hürth, Brühl, Bergheim, Kerpen, Wesseling, Erftstadt gezeigt.
Es schloss sich 2010/2011 die Ausstellung „Gedenk-Räume. Die NS-Zeit in der Gedenkkunst in Köln“ an. Sie wurde im EL-DE-Haus in Köln (2010) und im Aktiven Museum in Siegen (2011) gezeigt.
Von Januar 2008 bis September 2013 war ich Mitarbeiter im Projekt „Archiv des Gedenkens an die NS-Zeit im Rheinland“, das bei der Kunst- und Museumsbibliothek/Rheinisches Bildarchiv der Stadt Köln angesiedelt war und in Zusammenarbeit mit dem Landschaftsverband Rheinland (LVR) durchgeführt wurde. Idee und Konzeption für dieses Archiv gingen auf mich zurück. Zahlreiche Publikationen der in den folgenden Jahren setzen sich mit dieser Thematik auseinander.
2010 erschien das Buch „Russische Bürgerin, Name unbekannt. Gedenkbuch für Nina Sawina“ zusammen mit Andreas Fragel (Fotos) und Jürgen Forster (Gestaltung) in einer Auflage von 20 Exemplaren, die an ausgewählte Institutionen und Einrichtungen verteilt wurden. Es war eine experimentelle Arbeit, um das Thema „Gedenkbuch“ auszuloten. Im gleichen Jahr erarbeiteten Studierende der Alanus Hochschule für Kunst und Gesellschaft in Alfter ihre Vorstellungen eines Gedenkbuches für Nina Sawina. Der Papierkünstler John Gerard leitete den Kurs, ich trug die historischen Fakten bei. Alles mündete in einer Ausstellung „Künstlerbücher: Das Gedenkbuch“, die in Köln im April/Mai 2010 gezeigt wurde. Weitere Ausstellungsorte waren das Rathaus Morsbach (in dieser Stadt wurde Nina Sawina in einem Zwangsarbeiterlager gefangengehalten) und die LVR-Gedenkstätte Brauweiler, dem letzten Aufenthaltsort von Nina Sawina bevor sie am 14. Februar 1945 auf einem nahen Feld erschossen wurde. Ihr Grab befindet sich in Brauweiler. Ein Stolperstein wurde am in der Kölner Immermannstr. 53 verlegt, wo sie verhaftet wurde.
Eine ähnliche Arbeit („Bis zur Narbe“ – Eine Erzählung, Bremen 2011) befasste sich mit der Ermordung des Bremer Studenten Kurt Elvers, der an der Nordischen Kunsthochschule in Bremen studierte und von seinen Kommilitonen denunziert wurde, weil er nach dem Hitlerattentat vom 20. Juli 1944 gesagt haben soll: „Schade, dass es nicht geklappt hat, dann hätten wir jetzt Frieden“. Die Veröffentlichung erfolgte am 20. Februar 2011. An diesem Tag wurde Kurt Elvers in Hamburg 1945 erschossen und an diesem Tag wurde in Bremen 2011 ein Stolperstein für ihn verlegt. Am 9. September 2012 wurde für Kurt Elvers in Hamburg auf dem Ohlsdorfer Friedhof ein Gedenkstein eingeweiht. Der Familiengrabstein wächst derzeit zu. Vermutlich wird er bald abgetragen.
Im Herbst 2013 arbeitete ich an einer Ausstellung über den Kölner Bildhauer Willy Meller mit. Es war ein ‚Beifang‘ des Projektes „Archiv des Gedenkens an die NS-Zeit im Rheinland“. Hierbei stieß ich auf seinen Nachlass in Köln-Weiß. Meller gehörte zu den meistbeschäftigten und vielgeachteten Bildhauern in der NS-Zeit. Werke von ihm sind z.B. auf der NS-Ordensburg Vogelsang zu sehen. Auch für das “Kraft durch Freude”-Seebad Prora auf Rügen schuf er zahlreiche Skulpturen. Der Stierbändiger auf dem nebenstehenden Foto steht heute in Ochsenfurt an der Mainbrücke und ist eine Art Wahrzeichen der Stadt.
Trotz seiner Arbeiten für die Nationalsozialisten erhielt Meller auch nach 1945 erstaunlich viele Aufträge, worunter Denkmäler, die an den II. Weltkrieg erinnern, einen besonderen Stellenwert innerhalb seines Werkes nach 1945 einnehmen. Zu den beredtsten Beispielen dieser ungebrochenen öffentlichen Beauftragung Mellers ist jedoch der Bundesadler am Palais Schaumburg in Bonn, dem Regierungssitz Konrad Adenauers, zu zählen.
Willy Mellers Biografie steht beispielhaft für viele Künstler dieser Zeit, die vor 1945 opportunistisch mit den Nationalsozialisten zusammenarbeiteten und nach 1945 sich dem neuen Geschmack anpassten. Im Rheinland gehört z.B. Will Hanebal dazu.
Die Ausstellung „Willy Meller – Ein Künstler zwischen Diktatur und Demokratie. Ein Bestand in der Kunst- und Museumsbibliothek der Stadt Köln“ wurde vom 27. Juni bis 10. August 2014 in Köln gezeigt.
Zur Vergangenheitspolitik gehören auch Denkmäler, die zwar sehr häufig im öffentlichen Raum zu finden sind, aber bislang kein intensives wissenschaftliches Interesse gefunden haben: Denkmäler, die an die Vertreibung erinnern. Eine der größten Gedenkstätten ist die „Gedenkstätte des deutschen Ostens und der Vertreibung“ (offizielle Bezeichnung) auf Schloss Burg (bei Solingen). Es gibt diese Gedenkstätte seit 1951. 1962 wurde in dem Batterieturm die nebenstehende Skulpturengruppe von Kurt Schwertfeger aufgestellt. Seit Anfang der 1990er Jahre – im Zuge des Mauerfalls und der endgültigen Festlegung der Landesgrenzen der Bundesrepublik Deutschland – hat sich eine heftige Kontroverse um diese Gedenkstätte entwickelt, die bis heute anhält.
Kontroversen zu den Vertriebenendenkmälern gibt es reichlich, wie ich 2014 feststellen musste. Am 30. Januar 2014 war eine Veranstaltung zum Thema in Siegen geplant. Allein die Ankündigung ließ die Wellen der Empörung hochschlagen. Matthias Kirchbach hat die heftige Debatte um dieses Denkmal in Siegen in seiner Doktorarbeit dokumentiert (https://doi.org/10.25819/ubsi/10927, zuletzt 19.8.2026).
2015 deckte ich auf, dass in Kalkar auf dem dortigen „Kriegerdenkmal“ ein Satz aus Hitlers „Mein Kampf“ gemeißelt worden war. Das Denkmal war in der NS-Zeit entstanden. Es schloss sich eine Kontroverse über dieses Denkmal an, die bis heute andauert. Mehrfach wurde das Denkmal von dem Künstler Wilfried Porwol als temporäre künstlerische Intervention im öffentlichen Raum übermalt.
In der Zeit vom 5. November bis 27. Dezember 2016 wurde in der Kunstbibliothek der Stadt Köln die Ausstellung „Heldenbücher, Eiserne Bücher, Ehrenchroniken - Bücher als Denkmäler des I. Weltkriegs“ gezeigt, an der ich mitgearbeitet habe und die auf meinen Forschungen über Gedenkbücher basiert.
2017 schloss ich ein umfangreiches Buchprojekt ab. Es beschäftigte sich mit den STOLPERSTEINEN des Bildhauers Gunter Demnig. Ziel dieses Buches war es, die Idee, den Künstler, die Geschichte und die Wirkung dieses Projektes umfassend darzustellen. Zeitgleich wurde in der Kölner Kunst- und Museumsbibliothek eine Ausstellung zu den Stolpersteinen mit dem Titel „Das Projekt STOLPERSTEINE – Ein KunstDenkmal als Bürgerbewegung“ gezeigt.
Das Buch war der Ausgangspunkt einer mehrjährigen Beschäftigung mit dem Thema, und es schlossen sich zahlreiche Publikationen sowohl zu den STOLPERSTEINEN als auch zum Künstler Gunter Demnig an, zuletzt 2023 über Demnigs Kölner Zeit.
Vom 16. September bis zum 12. November 2017 wurde in der Kunst- und Museumsbibliothek der Stadt Köln die Ausstellung “Das Projekt STOLPERSTEINE – Ein KunstDenkmal als Bürgerbewegung” gezeigt. Ich habe daran mitgearbeitet und viele Ausstellungsobjekte aus meiner Privatsammlung zur Verfügung gestellt.
2018 wurde ich von der Gedenkstätte KZ Neuengamme gebeten, meine Erfahrungen und Forschungen zur NS-Verfolgung der Sinti und Roma in Nordwestdeutschland in das Projekt Gedenkort Hannoverscher Bahnhof in Hamburg (Lohseplatz) einzubringen.
Von hier wurden 5.848 Juden und 1.264 Sinti und Roma deportiert. Die Namen der Sinti und Roma aus Bremen, Bremerhaven und dem Weser-Ems-Gebiet fehlen noch auf dem Namensdenkmal.
Dieses soll in den kommenden Jahren nachgeholt und das Namensdenkmal entsprechend ergänzt werden.
Diese Forschungen mündeten in ein Gedenkbuchprojekt. Hierbei entstanden zwei Gedenkbücher: eines, das an die Deportationen im Mai 1940 aus Nordwestdeutschland (Band 1), und eines, das an die Deportation im März 1943 (Band 2) erinnert.
Der erste Band wurde im Mai 2021 veröffentlicht. Herausgeber waren das Stadtarchiv Bremerhaven und die Stiftung Hamburger Gedenkstätten und Lernorte.
Der 2. Band wurde vom Staatsarchiv Bremen herausgegeben und erschien im September 2022.
Zeitgleich wurde der Platz am Bremer Schlachthof, dem Deportationsort der Sinti und Roma aus Nordwestdeutschland im März 1943, in “Familie-Schwarz-Platz” umbenannt. Die Familie Schwarz wurde von hier aus nach Auschwitz-Birkenau deportiert.
Am 20. November 2022 erschien eine Broschüre über die Grabmäler ns-verfolgter Sinti und Roma auf dem Bremer Buntentor Friedhof. Auf diesem Friedhof befinden sich die meisten Gräber von ns-verfolgten Sinti und Roma in Bremen. Das älteste Sinti-Grab Bremens befindet sich auf dem Waller Friedhof.
Zeitgleich wurde eine Gedenkstele auf dem Friedhof eingeweiht.
Im März 2023 erschien die französische Fassung meines Buches “Augen aus Auschwitz” (Les Yeux d’Auschwitz) im Verlag Notes de Nuit. Es handelt sich um eine umfangreiche erweiterte Neuauflage der deutschen Fassung. Zugleich markiert die Veröffentlichung den Beginn der Arbeiten an einem Buch über die Familien Mechau, Laubinger und Bamberger, die Opfer von Menschenversuchen in dem so genannten “Zigeunerfamilienlager” in Auschwitz-Birkenau wurden.
Anfang April 2023 erschien endlich ein neues Buch – geschrieben zusammen mit meiner Frau Dr. Elke Purpus – über den Künstler Gunter Demnig. Es sollte eigentlich bereits im Oktober 2022 publiziert werden, anlässlich seines 75. Geburtstages, aber Corona und andere Dinge verhinderten dies – leider. Das Buch schildert Demnigs Zeit in Köln und beinhaltet erstmals ein Werk- und ein Ausstellungsverzeichnis zu Gunter Demnig. Auch wurde das Literaturverzeichnis aus meinem STOLPERSTEINE-Buch von 2017 aktualisiert. Außerdem enthält das Buch viele neue biografische Details und Fotos. Das Buch zeigt die vielfältigen Facetten des Künstlers: Street Art, Urban Art, Aktionskunst, Klangskulpturen.
2022/23 erstellte und recherchierte ich für das Internetportal „Spurensuche Bremen 1933–1945“ 20 Biografien zu in Bremen ns-verfolgten Sinti und Roma als Ergänzung der Plattform. Dadurch wurde das Thema NS-Verfolgung der Sinti und Roma in Bremen angemessen gespiegelt und ein Informationsdefizit im Internet beseitigt (https://www.spurensuche-bremen.de/, zuletzt 18.8.2026).
Auf Einladung der Landeshauptstadt Hannover, Fachbereich Kultur, ZeitZentrum Zivilcourage recherchierte ich 2024 die Namen und weitere Quellen der ns-verfolgten Sinti und Roma aus Hannover.
Am 1. Oktober 2024 wurde in Bremerhaven u.a. ein Stolperstein für die Zeugin Jehovas Amalie Pellin in der Bürgermeister-Smidt-Straße 53 verlegt. Sie wurde am 29. November 1942 in Auschwitz ermordet. Der Stein wurde von mir angeregt, und ich übernahm auch die Patenschaft.
Bis Frühjahr 2025 führte ich, zusammen mit dem 1. Sinti-Verein Ostfriesland e. V. in Leer, ein durch die EVZ gefördertes großes Projekt im Rahmen des Projektes „Wie wir erinnern: Plurale Erzählungen – Kollektive Geschichten – Gemeinsame Wege: Neue Formen und Wege in der Vermittlungs- und Bildungsarbeit“ zur NS-Verfolgungsgeschichte der Sinti und Roma in Weser-Ems durch. Bis heute ist es leider nicht gelungen, die Ergebnisse dieses Forschungsprojektes zu veröffentlichen und somit einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen.
Am 27. Januar 2025 wurde am Gedenkort an der Ecke Friedhofsweg/Jägerstraße in Oldenburg eine Namensstele eingeweiht, die von Mennie Schwarz initiiert wurde. Ein Jahr zuvor waren zum ersten Mal die Namen aller über Oldenburg deportierten Sinti und Roma verlesen worden, wie es in Bremen seit 2019 geschieht. Es lasen Regine Albrecht, Ralf Lorenzen, Siegrid Petrahn und ich in der Auferstehungs-Kirche.
Im Nachgang dieser Lesung entstand die Idee, auf einer Namenstafel die Namen festzuhalten. Hierzu lieferte ich die Hintergrundarbeiten, u.a. die Namen und die historischen Hintergründe (nachzulesen unter https://www.oldenburg.de/fileadmin/oldenburg/Benutzer/Dateien/30_Amt_fuer_Kultur_Museen_und_Sport/302_Kulturbuero/Gedenkkultur/Erinnerungszeichen/Erinnerungszeichen_Friedhofsweg/Skizzen_zur_NS-Verfolgung_von_Sinti_und_Roma_im_Weser-Ems-Gebiet_final_b.pdf).
Am 20. Februar 2025 wurde auf meine Vermittlung hin ein Gemälde von Kurt Elvers dem Bremer Focke Museum übergeben. Die Übergabe erfolgte exakt 80 Jahre nach Hinrichtung von Kurt Elvers.
Im Mai 2025 erschien das Buch „‘… ich will …, dass die Wahrheit siegt …‘ – Die Geschichte von drei Sinti und Roma-Familien, die Opfer von NS-Menschenversuchen im KZ Auschwitz-Birkenau wurden“. Das Buch ist einerseits eine 2. Auflage meines Buches „Augen aus Auschwitz“, wurde jedoch erheblich erweitert und fokussiert auf die Geschichte der Familien, die von diesen Menschenversuchen betroffen waren. Ich konnte zudem für das Buch einen Teilnachlass von Karin Magnussen, der heute im Nachlass von Ernst Klee, der sich in der Gedenkstätte Hadamar befindet, zu finden ist, auswerten. Insgesamt ist ein neues Buch entstanden. Ich konnte das Buch bisher in Bremen (Landeszentrale für politische Bildung), Bremerhaven (Stadtbibliothek) und Oldenburg (Stadtmuseum Oldenburg) vorstellen.
Ein Teil der Forschungsergebnisse floss in die Dauerausstellung „Erinnerungsort Ihnestraße“ in Berlin-Dahlem, Ihnestr. 22, ein (https://erinnerungsort-ihnestrasse.de/de/, zuletzt 18.8.2026) an der ich mitarbeitete. Dort befand sich in der NS-Zeit das Kaiser-Wilhelm-Institut für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik, an dem Karin Magnussen ihre Menschenversuche in Auschwitz-Birkenau konzipierte. Heute befindet sich dort das Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaft der FU Berlin. Während meines Studiums ging ich fast täglich an diesem Ort vorbei. Der „Erinnerungsort Ihnestraße“ wurde 2024 eröffnet.
Am 20. Oktober 2025 wurde in der Bremer Neustadt, Kornstr. 45, ein Stolperstein für den Uropa meiner Frau verlegt: Wilhelm Moormann. Sein Grab befand sich ursprünglich auf dem Friedhof Buntentor, wurde jedoch aufgelassen. Wilhelm Moormann wurde in Meseritz-Obrawalde ermordet (http://www.stolpersteine-bremen.de/detail.php?id=827, zuletzt 17.8.2026).
Im November 2025 wurde im Kreismuseum Syke die Ausstellung „Mariechen. Verfolgung, Verrat und Vernichtung einer Jugendlichen“ eröffnet. Die Ausstellung und das Begleitbuch wurden von mir konzipiert und geschrieben. Die sehr erfolgreiche Ausstellung wurde bis zum 19. April 2026 gezeigt. Weitere Ausstellungsorte in Norddeutschland sind geplant, u.a. in der Gemeinde Ihlow, Ostfriesland, zu der der Geburtsort Mariechens, Riepe, gehört, Bremen und die Gemeinde Stuhr (https://www.kreismuseum-syke.de/ausstellungen/mariechen-verfolgung-verrat-und-vernichtung-einer-jugendlichen/, zuletzt 18.8.2026).
In den Jahren 2025 und 2026 arbeitete ich an dem Internetportal „Biografien verfolgter Zeugen Jehovas“ mit, das im Sommer 2025 online ging (https://www.biographien-verfolgter-zeugen-jehovas.de/, zuletzt 18.8.2026).
Am 8. März 2026 wurde im Krankenhaus-Museum in Bremen die Szenische Lesung „Unerhört – Die Geschichte von Mariechen“ uraufgeführt. In der Szenischen Lesung wurde die Verfolgung von Mariechen Franz komprimiert auf Verhandlung vor dem Erbgesundheitsgericht in Bremen nacherzählt. Die Verhandlung endete mit der Anordnung der Zwangssterilisation der Minderjährigen, die wenige Monate darauf von Hamburg aus nach Auschwitz-Birkenau deportiert und in dem Frauenkonzentrationslager Ravensbrück ermordet wurde. Es lasen: Regine Albrecht, Hans Hesse, Anja Hölscher, Cornelia Korbel, Manfred Korbel, Wanja Lange und Siegrid Petrahn. Text: Hans Hesse.
Diese Szenische Lesung führt die Szenischen Lesungen fort, die mit dem Briefwechsel von Hannah Vogt (Göttingen, Moringen, Osterode) im Studio des Deutschen Theaters Göttingen ihren Anfang nahmen.
Weitere Lesungen sind in Planung.